Monthly mit Julian Beckh: Von Goldman Sachs in den Mittelstand
Dies ist die gekürzte öffentliche Fassung des Recaps. Die vollständige Version steht in den Community-Insights – dafür musst Du Mitglied der New Mittelstand Community sein.
Julian Beckh studierte Betriebswirtschaft an der Bocconi und arbeitete anschließend im M&A-Team von Goldman Sachs in Frankfurt. Ende 2016 stellte sich die Frage nach dem nächsten Schritt. Private Equity empfand er als zu hierarchisch und fremdbestimmt, nur wenig unternehmerischer als das Banking. Für eine Startup-Gründung fehlte die zündende Idee – zudem wird man im klassischen venture-backed Modell schnell zum angestellten Unternehmer mit überschaubaren Anteilen. Blieb die Nachfolge in einem Mittelständler der Old Economy. Für ihn bis heute der Karriereweg, um planbar und selbstbestimmt Vermögen aufzubauen.
Die Suche lief in Eigenregie und mit begrenzten Mitteln: über KMU-Börsen wie DUB, nexxt-change und DealCircle sowie rund 100 angeschriebene Makler im DACH-Raum. In drei bis vier Monaten kamen etwa 100 Kontaktaufnahmen zusammen, 50 Exposés begutachtete er. Im Monthly zeigte er seine originale Erstkontakt-Mail vom 5. Dezember 2016 mit dem Betreff „50 Jahre in Edelstahl …“: Darin positionierte er sich als Internet-Investor mit Affinität für profitable Nischengeschäftsmodelle, verwies auf sein Marktverständnis aus dem Technology & Industrials M&A und stellte einen Berliner VC-Fonds als möglichen Co-Investor in Aussicht. Über den Makler Hannig kam der Kontakt zur Behälter KG in Bremen zustande: ein B2B-Händler für Edelstahlbehälter – Fertigung nach Maß, dazu als Alleinstellungsmerkmal ein umfangreicher Vorrat an neu produzierten und aufgearbeiteten Behältern. Nach vier Monaten Suche und drei Monaten Kaufprozess war er im April 2017 Eigentümer, mit 25 Jahren. Der ungewöhnliche Exit aus dem Investment Banking sorgte für Berichterstattung, unter anderem bei eFinancialCareers. Den Ausschlag gab am Ende das Vertrauensverhältnis zum Verkäufer, aufgebaut in sehr direkten Verhandlungen mit hoher Geschwindigkeit; formale Stationen wie Goldman Sachs spielten dabei keine entscheidende Rolle. Heute bietet er Verkäufern als vertrauensbildende Maßnahme an, mit seinen früheren Verkäufern zu sprechen.
Die Übernahme selbst verlief unter erschwerten Bedingungen: Der Verkäufer fiel krankheitsbedingt aus, Julian Beckh musste sich die Abläufe weitgehend selbstständig erschließen – bis hin zum Kulturwandel, dem Wechsel zum Duzen. Wie eng die persönliche Beziehung dennoch wurde, zeigte sein Besuch beim Verkäufer im Krankenhaus nach drei Monaten. Operativ ersetzte er Papierakten und Diktiergeräte mit Kassetten durch digitale Prozesse mit Pipedrive als CRM und baute den Warenbestand wieder aus, um Umsatz und Ertrag zu steigern. Den größten Wachstumsbeitrag der Behälter KG lieferte das Online-Marketing mit 35 % (Google Ads, SEO, Plattformen wie Machinio, Maschinensucher und Resale), gefolgt von Internationalisierung und Partnerschaften mit 30 %, Produkt und Einkauf mit 20 % und der Digitalisierung aller Prozesse mit 15 %.
Aus dem ersten Deal wurde eine Gruppe: Die Janeos Beteiligungen umfassen heute die Behälter KG Bremen, Amatopia Labels, DINO elektrische Dampferzeuger und Bredo Doppelboden. Der Umsatz wuchs von 4,7 Mio. € im Jahr 2016 auf rund 25 Mio. € im Jahr 2025. Julian Beckh versteht sich als Sparringspartner seiner Geschäftsführungen; die Zusammenarbeit in der Gruppe bleibt informell und agil, Ressourcen wie IT-Know-how wandern ohne komplexe Verrechnungssysteme dorthin, wo sie gebraucht werden. Einen klassischen Search-Fund-Investor hatte er nie – die Sparringsrolle übernahmen lokale Netzwerke wie die Wirtschaftsjunioren und Partner. Größere Zukäufe stehen derzeit nicht im Fokus; stattdessen arbeitet die Gruppe mit KI an der internen Effizienz, etwa bei der Internationalisierung der Website, und bleibt offen für Partnerschaften in angrenzenden Sektoren. Fünf Hürden hält er bei Nachfolgern für typisch: den goldenen Käfig einer überbezahlten Festanstellung, den Respekt vor der Komplexität einer solchen Transaktion (sein Rat: einen Partner oder Berater einbinden), Sorgen vor dem finanziellen Worst-Case-Szenario, fehlende geographische Flexibilität und mangelnde Kompromissbereitschaft auf den letzten Metern. Seine Botschaft an die Community: Den perfekten Deal gibt es nicht – bei rund 85 % Übereinstimmung heißt es abschließen, nicht weitersuchen.
Tipps & Tricks für Nachfolger:
Der beste Zeitpunkt ist jetzt: Den perfekten Moment für den Absprung gibt es nicht, und der goldene Käfig einer überbezahlten Festanstellung wird jedes Jahr bequemer. Wer die Nachfolge ernsthaft will, beginnt mit der Suche.
Die Suche als Zahlenspiel begreifen: Rund 100 Kontaktaufnahmen und 50 begutachtete Exposés in drei bis vier Monaten sind eine realistische Größenordnung. KMU-Börsen wie DUB oder nexxt-change plus systematisch angeschriebene Makler erzeugen den eigenen Dealflow.
Vertrauen schlägt Credentials: Der Lebenslauf öffnet Türen, über den Zuschlag entscheidet die persönliche Beziehung zum Verkäufer. Gespräche mit früheren Verkäufern eines Käufers sind eine wirksame vertrauensbildende Maßnahme.
Ein Team kaufen, keine Idee: Fremde Geschäftsmodelle sind kein Ausschlusskriterium, denn übernommen wird ein eingespieltes Team mit funktionierendem Geschäft. Das eigene Skill-Set wirkt oft gerade in Branchen, die es bisher nicht kannten.
Auf den letzten Metern kompromissbereit bleiben: Viele Transaktionen scheitern kurz vor dem Ziel an fehlender Kompromissbereitschaft. Bei rund 85 % Übereinstimmung den Abschluss suchen, statt weiter am perfekten Deal zu feilen.